15. Mai 2015: Einfach nur raus…

15-05-15

Bei jedem Anklicken des Fahrtenbuches wurde mir in den letzten Wochen schwerer ums Herz. Seit Ende September hatte ich keine richtige Tour mehr gemacht, obwohl ich in der Zwischenzeit mehr als 2500 Kilometer praktisch nur in Berlin abgespult hatte. Als in den ersten schönen Tagen im März und April lautes Motorradgeknattere aus meiner Nachbarschaft ertönte, und ich krampfhaft versuchte meinem Schreibtisch zu entfliehen, siegte dessen Anziehungskraft über meinen Wunsch mich auf zwei Rädern auf ins Grüne zu machen.

Ich hatte einen  gewissen Leistungsabfall meiner NC bemerkt, und der Motor musste nach dem endlosen Herumgenudle in der Großstadt dringend durchgeblasen werden. So sagte ich meine Termine ab und schwang mich in den Sattel Richtung Spinnerbrücke. Dort reihte sich ein protziges Schlachtross neben dem anderen auf dem Gehweg ein, unergonomisch geformte Harley-Davidson-Lenkstangen zur vorsätzlichen Trocknung tropfender Achselhöhlen wechselten sich mit Stummellenkern customvermurkster Rennmaschinen ab. Zuhauf sah ich schleifsteingroße Hinterräder unter aufgeklebten Minisätteln mit dezibelspuckenden, chromblitzenden Motoren und dazu seltsam verhungert anmutenden Vorderrädern samt ihren martialisch-coolen Kuttenträgern mit Bart, Glatze und Bierbauch, die aneinandergereiht auf Holzbänken hockten, sich an ihren Bierhumpen festhielten und darauf warteten, dass alle nicht gleichermaßen bestückten Biker vor Bewunderung in die Knie gehen… Nein, das ist wirklich nicht meine Welt! Ich fuhr daher ohne anzuhalten gleich Richtung Wannseeinsel weiter, umrundete sie langsam und nahm mit Wohlwollen das eine kleine Häuschen mit davor parkendem alten Skoda Felicia war, das sich so erfreulich von den dort vorherrschenden Villenprotzbauten abhob.

Danach folgte ich der Königstraße, passierte die Glienicker Brücke, gedachte ihrer historischen Bedeutung als Ort der dort im Kalten Krieg erfolgten Agentenaustausche, bewunderte bei der Querung die grandiose Kulisse und fand mich umgehend in der bereits in Potsdam  liegenden Berliner Vorstadt wieder. An der russischen Kolonie Alexandrowka vorbei fuhr ich zur Universität Brandenburg, die sich unmittelbar hinter dem Neuen Palais Friedrichs II am westlichen Ende des Schlossparks von Sanssouci befindet. Zwischen dem Prachtbau und der neu sanierten, mächtigen Kolonnade mit Triumphtor liegt ein mit Originalziegeln aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ausgelegter und entsprechend ausgetretener Exerzierplatz. Man konnte sich so richtig vorstellen, wie der Alte Fritz auf dem kleinen Balkon des Palais stehend mit Stolz auf seine paradierenden Soldaten blickte. Leider hatte ich diesmal keinen Fotoapparat dabei – ich fand jedoch eine wunderbare Bilderserie mit geschichtlichem Hintergrund dazu im Internet.

Nach einem kurzen Rundgang kletterte ich wieder in den Sattel und fuhr weiter Richtung Spandau, schwenkte dann beim Fahrlander See nach Westen zur A10 und rollte bei geltenden 120 km/h nach Norden zum Autobahndreieck Havelland. Ab hier bis kurz vor der Abzweigung nach Tegel konnte ich meiner NC – und mir – den Gefallen tun, den Motor mal so richtig durchzublasen, denn die Ablagerungen und Schlieren, die sich den Winter über angesammelt hatten, mussten endlich weggebrannt werden. Das tat sowas von gut!

Über die A 111, Stople und Reinickendorf ging es unter einer Passagiermaschine im unmittelbaren Landeanflug auf Tegel nach Hause. 117 Kilometer waren es gewesen und keine eigentliche Tour, aber Freude pur. Ich nehme mir mal jetzt nicht vor, am Pfingstwochenende in den Oderbruch oder sonst wohin zu fahren – die Wahrscheinlichkeit, das Vorhaben nicht durchführen zu können, wäre leider sehr groß, aber davon zu träumen ist schon ein erster Schritt in die richtige Richtung…

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