28. August 2014: Fahrt in die Schorfheide

28-08-14 Schorfheide Karte

Nach dem Auspacken von 320 Umzugskisten, der Reparatur zahlreicher durch die Vormieter verursachten Schäden in der Wohnung, dem Ummelden der NC auf ein Berliner Kennzeichen, mehreren Abend- und Nachtfahrten durch Berlin unter dem Motto ‚Reconnecting with the City‘, bei denen u.a eine perfekt beleuchtete Goldelse sich gegen einen rosa eingefärbten Abendhimmel mit riesigem Vollmond nahezu kitschig abhob, ein um 22 Uhr noch immer von Touristenmassen belagertes Brandenburger Tor und die offenbar ewigen chaotischen Verkehrsverhältnisse im Stadtzentrum besonders prägnant waren, langte eines Morgens ein kleines Päckchen bei mir ein, das meine zu diesem Zeitpunkt etwas im Sinkflug begriffen Stimmung schlagartig verbesserte. Ich hatte mir noch in Wien bei Aufnäher4U drei handgenähte Patches für eine Lone Wolf Biker Kutte bestellt, die bei meinem freudigen Auspacken Beate zur trockenen Bemerkung ‚Jetzt hat dich die Midlifecrisis voll erwischt!‘ verleiteten. Nunja, was soll man da entgegnen, ohne sich auf verdammt dünnes Eis zu begeben. Das sparte ich mir und organisierte lieber in der dadurch gewonnenen Zeit eine kompetente Fachkraft, die die Patches umgehend annähte. Das Lone Wolf Biker Kuttenunikat sieht nun so aus:

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Ehrlich gesagt, Beate hatte wohl mit ihrer Einschätzung nicht ganz unrecht… Jedenfalls wird das Teil bei der nächsten Ausfahrt eingeweiht, und ‚das ist gut so‘ – um den bis Dezember 2014 abtretenden Oberbürgermeister der Hauptstadt zu zitieren.

Am 28. August lautete die Wetterprognose heiter bis wolkig bei geringer Regenwahrscheinlichkeit; Umstände, die einer ersten größeren Ausfahrt überaus dienlich waren. Ich machte mich gegen 10 Uhr 30 auf den Weg über die 109 Richtung Schorfheide, tankte kurz vor der Auffahrt zu A114 und fuhr dann über Wandlitz und auf schönen, einsamen Alleenstraßen entlang des Finowkanals nach Marienwerder.

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Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der Ort als „Spinnerdorf“ unter Friedrich II gegründet, der, wie allgemein bekannt, Unmengen an Uniformen für die preussische Armee benötigte. Als knappe 100 Jahre später eine Kirche errichtet werden sollte, stieß der ausgewählte Standort nicht auf die ungeteilte Gegenliebe der Einwohnerschaft, da damit die bislang freien Aussichten die N-S und W-O Achsen entlang verbaut werden sollten. Einige Zeit lang wurden die tagsüber gemachten Baufortschritte nächtens eifrig wieder rückgängig gemacht, sodaß das ganze Unternehmen im märkischen Sande zu verlaufen drohte. Schließlich setzten sich die Befürworter durch; wie sie das geschafft haben, darüber schweigt die Informationstafel im Inneren der Kirche beredt. Jedenfalls steht heutzutage eine beachtliche Kirche im Schnittpunkt der Achsen, und in den vergangenen 150 Jahren ist klarerweise viel Gras über die eher unchristlich-turbulenten Anfänge gewachsen.

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Vor der Kirche befindet sich ein Gedenkstein zur Erinnerung an den 17. März 1813, an dem Friedrich Wilhelm III in der Breslauer Proklamation nach zweieinhalb Monaten des Zögerns, die der Konvention von Tauroggen folgten, grünes Licht für den Kampf gegen die napoleonische Besatzung gab und damit die im späteren wilhelminischen Deutschen Reich nahezu mythisch beschworenen Befreiungskriege einläutete. Dass ein traditionsbewusster Wilhelm II damit auf irgendeine Weise persönlich verbunden sein wollte, wird im zweiten Teil der Inschrift deutlich.

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Nach der allgegenwärtigen Barockopulenz der Kirchen im katholischen Österreich tat die kühle Nüchternheit des preussischen Protestantismus richtig gut.

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Nach einer kurzen Stärkung ging es weiter Richtung Werbellinsee. Ich wollte doch mal sehen, ob Theodor Fontanes Beschreibung desselben als „Märchenplatz“ einer kritischen Überprüfung meinerseits standhalten würde. Kurz und gut: Ich war beeindruckt vom 10 Kilometer langen und 1 Kilometer breiten See mit seinem glasklarem Wasser, den mit dichtem Grün bewaldeten Ufergebieten und den zahlreichen sandigen Badestellen, die zu einem längeren Aufenthalt einluden. Am Spring hielt ich an und ging einen Hohlweg zur Schiffsanlegestelle hinunter, von der aus man einen guten Eindruck vom südlichen Teil des Sees gewinnen konnte.

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Hier ließe sich der Sommer genießen! Ich ging noch zum Cafe Winkler hoch, drehte eine kleine Runde auf der Terrasse und der angrenzenden Liegefläche und fuhr dann die einspurige Straße zum Jagdschloss Hubertusstock, um zumindest einen kurzen Blick auf den Ort zu werfen, an dem Wilhelm II, Hitler, Honecker und Konsorten regelmäßig als Gastgeber für illustre Gesellschaften fungierten. Honecker hatte das ursprüngliche Gebäude im Jahre 1971 abreissen und – wie ich irgendwo gelesen hatte – „als Gästehaus im Edel-Jodel-Stil“ wiedererrichten lassen.

Weiter gings nach Joachimsthal, wo mir ein seltsames Bauwerk ins Auge stach. Es handelte sich um einen 1960 erbauten Wasserturm, der im letzten Jahrzehnt zum Biorama Projekt eines Künstlerpaares aus den USA und Schottland mutiert war. Ich wanderte den kurzen Weg vom Parkplatz zum Wasserturm, bezahlte meine 2 EUR Zutrittsgebühr und kletterte die Außentreppe hoch zur Aussichtsplattform, von der aus sich ein schöner Blick auf die Schorfheide, den Grimnitz- und den Krummen See darbot.

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Über Friedrichswalde führte die Strecke schließlich weiter nach Templin. Im kleinen Ort Götschendorf fiel mein erstaunter Blick auf ein sich im Aufbau befindendes russisch-orthodoxes Kloster samt Kirche mit dem Namen St. Georg. Im Jahre 2006 kam dem Moskauer Patriarchat die Idee, in Deutschland ein Kloster mit 30 Mönchen als „russisch-deutsches-geistlich-kulturelles Zentrum“ aufzubauen. Putins Mitwirkung wurde erbeten, da ein derartiges Projekt nicht nur „die Wichtigkeit des politischen Dialogs und der wirtschaftlichen Kooperation zwischen den beiden Staaten, sondern auch die geistigen Beziehungen zwischen den beiden Völkern betonen würde.“ Bei der engen Verflechtung der russisch-orthodoxen Hierarchie mit dem Machthaber im Kreml fragt sich der unbeteiligte Beobachter, was für Absichten denn hinter dieser Aktion wirklich stecken mögen, denn eine gezielte Missionierung in der dünnbesiedelten Schorfheide scheint mir doch eher wenig Aussicht auf Erfolg zu haben. Das Ganze ist höchst seltsam.

In Templin angekommen, parkte ich die NC auf dem Marktplatz und besuchte das zentral gelegene Rathaus, vor dem eine gewaltige Granitsäule an die Gefallenen der deutschen Einigungskriege 1864, 1866 und 1870/71 erinnert.

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Die Dame an der Information was überaus freundlich und empfahl mir, doch einen Blick auf das Berliner Tor zu werfen, das ganz in der Nähe wäre. Ich machte mich also auf den Weg und nach wenigen Minuten stand der dreigeschossige Bau ziemlich wuchtig vor mir.

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Die nahezu vollständig erhaltene Stadtmauer mit ihren zahlreichen Ausbuchtungen zur Stabilisierung der Mauer, die auch der besseren Verteidigung dienten, war beeindruckend. Rechts vom Berliner Tor findet sich eine Gedenktafel, die an die jüdische Gemeinde Templins erinnert.

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Ich ging durch das Tor und schoss ein paar Fotos von der Außenseite der Mauer, die sich naturgemäß deutlich abweisender darstellte.

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Auf dem Wege zurück zur NC, passierte ich die kleine St. Georgen-Kapelle, einen gotischen Backsteinbau aus dem 14. Jahrhundert, mit Kreuzrippengewölbe und spätgotischem Schnitzaltar, der alle Wirren und Brände der Jahrhunderte gut überstanden hatte.

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Von Templin aus ging die Fahrt auf der L23 durch die norduckermärkische Seenlandschaft nach Lychen und danach die L15 weiter Richtung Fürstenberg an der Havel. Kurz vor der Ortseinfahrt passierte ich folgendes Hinweisschild:

SAMSUNG CAMERA PICTURESIch fuhr zwar vorerst bis zur Kreuzung mit der 96 weiter kehrte aber dann um. Der Gedanke, so nahe an einem dieser schrecklichen Orte des Massenmordes zu sein, ließ mich nicht los – ich musste einen Besuch zum Gedenken an die Opfer abstatten.

Kurz vor dem Lager stand ein rostiger sowjetischer Panzer, der an die Befreiung des KZs erinnerte.

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Ich ging vom Parkplatz entlang des idyllischen, friedlich in der Sonne glitzernden Schwedtsees, und kam zu einem außerhalb der KZ Mauern stehenden, eher kleineren Gebäude. Ein Blick hinein machte mir klar, worum es sich handelte. Ich verweilte einige Zeit beim Versuch, mir das Grauen des Ortes zu vergegenwärtigen…

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Daneben befand sich die Hinrichtungsstätte. Viele hunderte unschuldige Menschen hatten dieses Bild (damals wohl ohne Bäume) vor Augen, als sie ihren Mördern gegenüberstanden.

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Links davon erhob sich die 11 Meter hohe Skulptur „Die Tragende“, die einer Pieta nachempfunden ist. SAMSUNG CAMERA PICTURES

Neben dem Krematorium befand sich eine seltsam schmale Sackgasse zwischen zwei engen Wänden. Der Gedenkstein davor machte den Zusammenhang klar…

SAMSUNG CAMERA PICTURES SAMSUNG CAMERA PICTURESTief betroffen ging ich zum anschließenden Gebäude, das sich als noch intakter Zellentrakt herausstellte. Die einzelnen Zellen wurden von den unterschiedlichen Nationalitäten als Gedenkstätten für ihre in Ravensbrück ermordeten Bürgerinnen gestaltet. Nach der Befreiung wurde dieses Gebäude von den Sowjets als Gefängnis und später von der DDR als Schaustück des Naziterrors weitergeführt, was seinen guten Zustand und den des Krematoriums erklärt, während die Baracken und nahezu sämtliche anderen Gebäude innerhalb des KZs abgerissen wurden.

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Ein Foto aus dem Frühjahr 1944 zeigt das Lager. Darunter befindet sich ein Lageplan sowie ein Foto des heutigen Zustandes.

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Ich ging an den Grundmauern der „Badeanstalt“ vorbei und stellte mir vor, welche Szenen sich dort nach der Ankunft der zu diesem Zeitpunkt absolut rechtlosen Häftlinge abgespielt hatten. Das unendliche Leid, das die Vertreter einer ideologisch entmenschlichten, selbsternannten Herrenrasse über ihre Mitmenschen brachte, übersteigt das Vorstellungsvermögen. Wer sich mit diesem Teil der deutschen Geschichte intensiver auseinandersetzen möchte, möge das erschütternde Buch „Der SS Staat“ von Eugen Kogon lesen, das sich mit dem System der deutschen Konzentrationslager befasst (Inhaltsverzeichnis).

Beim Verlassen des Lagers kam ich an der Wachstube der SS vorbei, die zum „Ort der Namen“ umgestaltet worden war. Ein dickes Buch voller Namen liegt vor einer Tafel mit Fotos von Frauen aus, die entweder unmittelbar nach ihrer Verhaftung bzw. nach ihrer Ankunft in Ravensbrück aufgenommen worden waren.

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Möge die Welt sich ihrer erinnern! Und: Mögen wir den gesellschaftlichen Tendenzen energisch entgegentreten, die zu diesen unaussprechlichen Verbrechen geführt haben!

Was mich zusätzlich tief erschüttert, ist die Tatsache, dass so viele dieser Verbrecher nach dem Zusammenbruch 1945 nahtlos in den Schoß einer deutschen und österreichischen Gesellschaft zurückkehrten; die wieder zu den Familienvätern und Ehemännern wurden, die sie vielleicht schon vor diesen Verbrechen waren, und die unbehelligt und ohne jemals zur Verantwortung für ihre Taten gezogen worden zu sein, in hohem Alter friedlich verstarben; die oftmals nichts als blanken Hohn für ihre Opfer übrig hatten; die diese unmenschliche Ideologie weiter am Leben hielten und, in verklärenden, heldenhaften Erinnerungen schwelgend, diese an die nächsten Generationen weitergaben.

Ich stieg auf meine NC und rollte tief in Gedanken versunken Richtung Fürstenberg. Dort fiel mein Blick auf zahlreiche Wahlplakate, die Werbung für eine bei den kommenden Landtagswahlen in Brandenburg antretende Partei machten, die ich als ideologische Enkel der Verursacher all diesen bodenlosen Leides bezeichnen würde. Und das in einem Ort, der durch Ravensbrück historisch so belastet ist! Ich empfand diesen offenkundigen Zynismus als durch und durch widerlich.

Über die 96 ging es zurück nach Berlin, und ich verstand sehr rasch, dass hier dringend eine Entlastung für die an der Peripherie lebenden Bürger geschaffen werden müsste, denn was sich auf dieser Straße an Verkehr abspielt, ist abartig.

Als Draufgabe zu Ravensbrück passierte ich bald danach das Hinweisschild zum KZ Sachsenhausen bei Oranienburg, ehe ich gegen 17 Uhr 30 und knappen 240 Kilometern Fahrt wieder zu Hause ankam.

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