Tag 1 der Schottlandtour: Perth – Drumnadrochit (13. Juli 2013)

Tag 1

Ich hatte mich zu Weihnachten 2012 entschlossen eine Woche durch die schottischen Highlands zu fahren, um den Kopf von der Arbeit freizubekommen. Nach einigem Abwägen entschied ich mich gegen eine Fahrt von Wien nach Hannover (Autoreisezug) mit anschließenden 400 Kilometern auf der Autobahn nach Amsterdam, gefolgt von einer Fährfahrt nach Newcastle. Diese Möglichkeit nach Schottland zu kommen hätte vier Tage (zwei hin, zwei retour) benötigt und wäre deutlich teurer gekommen als die zweite Option, für die ich mich dann rasch entschied: Anfang Januar 2013 reservierte ich eine Honda NC 700 S ABS bei Perth Motorcycles für 375 Pfund samt Freimeilen für eine ganze Woche, buchte einen Billigflug von Wien nach Edinburgh und begann die Route vorzubereiten. Sehr hilfreich war dabei die Webseite ‚Undiscovered Scotland‘, die praktisch jedes Nest ausführlich mit Text und Fotos dokumentiert. Ich stellte mir eine Route zusammen und fuhr diverse Streckenabschnitte vorab auf Google Maps Streetview ab, um mir einen ersten Eindruck von der Landschaft zu verschaffen. Ein Tourbuch mit Texten von Undiscovered Scotland war danach rasch erstellt, ebenso wie die einzelnen Tagesrouten, die ich auf mein Navi kopierte, und so fieberte ich ziemlich ungeduldig dem Abflugdatum 12. Juli entgegen. Ein paar Tage vor Abflug rief ich nochmals bei Perth Motorcycles an, um die Reservierung zu bestätigen. Als ich Stewart von meiner NC 700 X DCT erzählte, sagte er, dass sie auch dieses Modell vermieten würden. Ich meinte spontan: „OK, dann nehme ich die X zum gleichen Preis wie die NC 700 S!“ Stewart fing fürchterlich zu lachen an, und ging tatsächlich auf den Deal ein.

Die Motorradsachen samt Helm hatte ich in einen Rucksack gesteckt, Klamotten und der Rest der Reiseutensilien kamen in einen Ortlieb Rollsack, der eingecheckt wurde. Der Flug führte von Wien mit einem fünfstündigen Aufenthalt in Amsterdam nach Edinburgh. Bei der Einreise wurde ich sehr freundlich aber bestimmt von einer netten Dame der Grenzpolizei nach Zweck, Aufenthaltsdauer, Herkunft, und allem möglichen ausgefragt – ich entsprach wohl dem potentiellen Täterprofil der dortigen Behörden… 

Der Bus nach Haymarket Station war rasch gefunden ebenso der Zug nach Perth, wo ich am Abend eintraf. Ich übernachtete im Queens Hotel in der Nähe des Bahnhofs.

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Am 13. Juli nahm ich nach dem Frühstück ein Taxi zu Perth Motorcycles in der Rannoch Road 223 und übernahm die rote NC 700 X DCT mit etwa 950 Meilen auf dem Zähler. Der Papierkram war rasch erledigt, Navihalterung und Ortliebsack waren fixiert, und los gings bei ausgezeichnetem Motorradwetter!

Der Linksverkehr war kein Problem, da die Beschilderung ausgezeichnet war und man ihr einfach folgen konnte. Rasch ließ ich Perth hinter mir, und fuhr durch den Cairngorms National Park Richtung Braemer. Was für eine herrliche Landschaft! Grüne, unbewaldete Hügel, ein blauer Himmel und ein Asphaltband, das sich nahezu unbefahren bis zum Horizont schlängelt – das Herz musste einem aufgehen!

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Ich fuhr an zwei Schigebieten, komplett mit Liften und Talstation, vorbei (letzten Winter hatte es hier Lawinenabgänge mit Toten gegeben) und nach einer netten Fahrt erreichte ich Braemer. Auf dem Weg dorthin machte ich noch einige Fotos:

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In Braemer machte ich kurz Rast und kaufte mir eine Flasche Wasser. Mir fielen die vielen Personen im Kilt und Festbekleidung auf, und beim Visitors Centre meinte die Dame schließlich, ich möge doch bis um 12:30 warten, denn heute begännen die Junior Highland Games, und der Aufmarsch der Teilnehmer würde die Hauptstraße entlang führen. Da ich aber noch einiges für den ersten Tag geplant hatte, verzichtete ich auf diese Gelegenheit und machte mich auf zur Royal Lochnagar Distillery in Easter Balmoral, wo ich die 13 Uhr Führung mitmachte.

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Auf dem Parkplatz stellte sich die Frage, was ich mit meinem ungesicherten Gepäck tun sollte, denn die Packtasche jedesmal mitschleppen wollte ich wahrlich nicht. Ich nahm das Radschloß, das mit einem Bewegungssensor samt Alarm ausgestattet ist, und befestigte es an der Tasche. Das funktionierte perfekt während der gesamten Tour!

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Die Führung war interessant, an der Verkostung konnte ich aus naheliegenden Gründen leider nicht teilhaben. Danach brach ich Richtung Grantown-on-Spey auf. Der erste Teil der Strecke ist eine Single-Track-Road, die aber relativ rasch von einer zweispurigen Fahrbahn abgelöst wird. Auch hier war die Landschaft einsam und karg.

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Zwischendurch kam mir eine Oldtimerrally bestehend aus diversen Golfs und anderen Fahrzeugen aus den 70-er Jahren mit Höllentempo entgegen, so als ob sie mit Gewalt versuchen würden, den Motor zu ruinieren. Zum Glück war die Sicht frei und man konnte rechtzeitig Zuflucht in den Ausweichbuchten suchen. Es wurde mir die Anwesenheit von Schafen unmittelbar neben oder teilweise auf der Strecke deutlich bewußt, ebenso wie etliche überfahrene Kleintiere, seien es Kaninchen, diverse Vögel wie Raben oder Möwen, usw, deren Fell- und Federreste alle paar Meter auf der Straße zu finden waren. Ich hoffte sehr, dass mir kein Tier vors Vorderrad lief, denn das wäre höchst unerfreulich geworden. Zum Glück ist nichts passiert. Die ungesicherte Straße war sehr hügelig mit teilweise bis zu 23% Steigung bzw. Gefälle und führte über nackte Bergkuppen und an einem weiteren Schigebiet vorbei, bevor sie sich Richtung Tomintoul in lieblichere Gegenden absenkte.

In Grantown tankte ich erstmals. Dazu musste ich das Gepäck entfernen, um an den Tankdeckel zu kommen. Ich fluchte über das Gepäcknetz, das Stewart mir noch über meine Ortliebtasche gepackt hatte, um sie während der Fahrt zu sichern, denn das Ding war kaum wieder anzubringen!

Meine nächste Station war das Culloden Battlefield, auf dem die letzte Schlacht zwischen Jakobiten und Royalisten 1746 stattfand. Details zum Zweiten Jakobitenaufstand (the Fourty-Five) lassen sich hier nachlesen.

Ein Rundgang auf dem Schlachtfeld, auf dem die jeweiligen Ausgangspositionen mit blauen und roten Fahnen markiert waren, und die anschließende Besichtigung des Ausstellungszentrums ließen mich sehr nachdenklich zurück.

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Von Culloden Moor fuhr ich über Inverness an den Loch Ness. Ein paar Meilen vor Drumnadrochit parkte ich die NC und schoß ein paar Fotos des Lochs u.a. mit Blick auf das Urquhart Castle. Ein Autofahrer blieb stehen und fing an mich über die NC auszufragen, denn er hätte schon so viel davon gehört und würde sich überlegen, ob er sie sich zulegen sollte.

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Das Drumnadrochit Hotel war nicht zu übersehen, ich checkte ein, packte meine Sachen aus und parkte dann die NC in Sichtweite vor dem kleinen Hotelzimmer. Danach besuchte ich den Nessie Shop, um einen Eindruck von der Kommerzialisierung des Nichts zu erhalten. Seht selbst!

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Ich verließ den Laden fluchtartig, setzte mich nochmals auf meine NC und fuhr, da es erst später Nachmittag war, zum Urquhart Castle, das nur wenige Meilen entfernt lag. Der Parkplatz war noch voll, aber ich hatte den letzten Einlaßtermin knapp verpasst, und das Visitor Centre öffnete erst wieder am nächsten Morgen um 9:30. Für eine Besichtigung war mir das bei der anstehenden Tour nach Thurso zu spät, also machte ich ein paar Fotos vom Straßenrand aus und fuhr zurück ins Hotel, wo ich zu Abend aß, mir ein kaltes Bier gönnte, in meinem Tourbuch die einzelnen Stationen der heutigen Route nochmals nachlas und mich auf den morgigen Tag vorbereitete.

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Fahrt vom 4. Juli 2013

CaptureDa ich eine Menge Überstunden angehäuft hatte, die am Ende des Monats verfallen wären, nahm ich mir zwei Tage Zeitausgleich vor meinem eigentlichen Urlaubsbeginn. Am Donnerstag, den 4. Juli brach ich gegen 8:45 Richtung alte Heimat auf und nahm die ehemals so oft gefahrene Strecke von Wien über Stockerau, Horn, Vitis, Schrems und Gmünd nach Bad Grosspertholz unter die Räder. Zuvor hatte ich diverse Routenwetter-Seiten im Internet durchstöbert, um die möglichst trockene Phase des Tages zu nutzen. Schwarze, tiefhängende Wolken begleiteten mich von Maissau nach Schrems, aber zum Glück fiel kein Regen. Da ich meine Sommerhandschuhe angezogen hatte, erwies sich die Griffheizung meiner NC wieder einmal als höchst angenehme Erweiterung des Basismodells. Aus manch einem Schornstein stieg Rauch auf, was mich im Waldviertel eigentlich nicht wirklich verwunderte, sagt man doch, dass es dort neun Monate Winter und drei Monate lang kalt wäre. Die B4 ähnelt mittlerweile einer Rennstrecke, auf die ich in Zukunft gerne verzichten werde.

Meine Eltern freuten sich sehr über mein Kommen. Gegen 14:45 rief Ferdinand aus dem Moorbad Harbach an, der dort nach seiner Knieoperation drei Wochen lang Physiotherapie durchläuft und den ich am Morgen zweimal vergeblich versucht hatte telefonisch zu erreichen. Er hatte ein Fenster von 30 Minuten zwischen den Behandlungen, die ich nutzte um rasch nach Harbach zu fahren, und ihn kurz zu besuchen. Fachsimpelei war inbegriffen. 🙂

Über Hirschenwies fuhr ich dann Richtung Nebelstein, um über Harmannschlag wieder nach Bad Grosspertholz zu kommen. Dabei überraschte mich eine etwa ein Kilometer lange Schotterpiste vor der Nebelsteinhütte, die zum Glück in hervorragendem Zustand war und auf der sich gut dahinrollen ließ. Zu Hause angekommen, verbrachte ich zwei Stunden mit meinem Vater hinter dem PC, um das Anhängen von gescannten Dateien an E-Mails zu üben.

Gegen 16:30 fuhr ich über Mühlbach und Jagenbach nach Zwettl, von dort über Rudmanns und Rastenberg nach Lichtenau im Waldviertel. Hier folgte ich der Abzweigung nach Albrechtsberg und weiter nach Weißenkirchen in der Wachau. Was für eine herrliche und kurvenreiche Gegend mit wirklich wenig Verkehr! Diesen Abschnitt werde ich in Zukunft öfter fahren, das ist Waldviertel pur!

In Weißenkirchen bog ich nochmals Richtung Weinzierl ab und fuhr, da ich meinen Bruder Dieter in Senftenberg besuchen wollte, über Stixendorf und Reichau eben dorthin. Die Strecke hatte mir letzte Woche sehr gut gefallen, und da mittlerweile strahlender Sonnenschein und blauer Himmel vorherrschte, wollte ich diesen Abschnitt mal bei schönem Wetter fahren. Fazit: Aus diese Strecke wird in Zukunft öfter eingeplant werden!

Die Dachdeckerarbeiten an Dieters Haus verliefen gut. Das Dach war zwar in eine dicke, blaue Plane gehüllt, aber einige der neuen Fenster waren schon eingebaut. Wir setzten uns in den Garten und genossen das schöne Wetter. Anschließend fuhr ich über die A5 und die A22 nach Wien zurück, wobei ich wieder zum unfreiwilligen Blutspender für eine Wolke von Gelsen beim Tankstop an der Stockerauer Tankstelle wurde. Gegen 20:30 kam ich zu Hause an. Der Spritverbrauch bei der 370 Kilometer langen Strecke betrug 3.8 Liter/100 km. Gefahrene Strecke seit Übernahme der NC am 22. Mai: 2978 Kilometer. 🙂

Höhenprofil vom 04-07-13