Tag 5 der Schottlandtour: Ullapool – Balmacara (17. Juli 2013)

Tag 5

Der heutige Tag sollte eigentlich ein richtiges Highlight der gesamten Tour werden, doch das Wetter spielte leider die meiste Zeit über nicht mit. Ich brach gegen 8:30 Uhr von Ullapool auf und fuhr bei leichtem Nieselregen zur Corrieshalloch Gorge, die zwar nur zehn Meter breit aber über 60 Meter tief ist. Vom Parkplatz aus führte ein schmaler Weg zur Hängebrücke, die die unerfreuliche Tendenz hatte, bei der Querung ziemlich zu schwanken. Aus diesem Grund dürfen sich nicht mehr als sechs Personen gleichzeitig auf der Brücke befinden. Sie quert die Schlucht über den 46 Meter tiefen Falls of Measach. Ich muss gestehen, dass es mich ein wenig Überwindung kostete, über die schwankende Brücke zu spazieren und an das Geländer zu treten, um Fotos zu machen. Am anderen Rand der Schlucht konnte man nach ein paar hundert Metern eine Aussichtskanzel betreten, von der aus Brücke, Wasserfall und Schlucht besonders schön zu sehen waren.

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Beim Rückweg zum Parkplatz wurde der Regen stärker, aber da sich die letzten Tage über bei ähnlichem Wetter meine Kluft als wasserdicht erwiesen hatte, schlüpfte ich nicht in meine Regenklamotten, sondern vertraute auf die Werksangaben zu meiner neuen Ausrüstung. Wie sich bald herausstellen sollte, war das ein Fehler…

Als ich an der Gruinard Bay vorbeikam, bot sich mir erneut der unerwartete Anblick eines grandiosen und absolut menschenleeren Sandstrandes, den man so nicht unbedingt in Schottland vermuten würde.

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Kurz vor Poolewe machte ich beim Inverewe Garden Halt und ging in das Besucherzentrum, um mich ein wenig über den Garten und seine Geschichte zu informieren. Bei schönem Wetter ist er mit Sicherheit einen längeren Aufenthalt wert, seine Schönheit erschloss sich mir heute leider nicht wirklich.

Ein paar Meilen südlich von Gairloch bog ich auf die single track road Richtung Redpoint, einem weiteren großartigen Sandstrand, ab, kehrte aber bereits bei Badachro wieder um, da ich zum einen schon etliche Strände gesehen hatte und zum anderen lieber mehr Zeit auf der Halbinsel Applecross verbringen wollte. Es nieselte weiterhin, aber zwischendurch schien es, als ob die Wolken in Kürze aufreißen wollten, um die Sonne durchzulassen, und dies hielt mich davon ab, meine Regenkluft anzuziehen.

Die gut ausgebaute, zweispurige Straße folgte dem Südufer des Loch Maree bis zur Abzweigung nach Torridon. Kurz vor Ende des Lochs, hielt ich auf einem Parkplatz direkt am Ufer an und vertrat mir die Beine. Von hier aus führten etliche Wege auf den Beinn Eighe und die umliegenden Hügel, ein Umstand, der von zahlreichen Wanderern genutzt wurde – es herrschte reges Treiben. Eine Tafel beschrieb, dass eine Insel im Loch im späten siebenten Jahrhundert zeitweilig von Máel Ruba, einem irischen Mönch, bewohnt worden war, der in der Bevölkerung höchstes Ansehen genoss. Die den See umgebenden alten Eichenwälder waren zweimal komplett abgeholzt worden, einmal im 18. und zu Anfang des 19. Jahrhunderts als Baumaterial für englische Segelschiffe, das zweite Mal nach erfolgter, langwieriger Wiederaufforstung, um Munitionskisten für die britische Armee im 2. Weltkrieg zu erzeugen. Es wird noch etwa 80 Jahre dauern, bis sich die Wälder wieder erholt haben werden.

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Ich folgte der single track road nach Torridon, die sich entlang eines Baches entlangschlängelte. Links und rechts erhoben sich kleinere Berge, deren Spitzen ich leider nur erahnen konnte, da eine dichte, tiefliegende Wolkendecke die Sicht einschränkte. Es gab kaum Verkehr, und ich hatte den Eindruck, wie durch einen sehr breiten Tunnel zu fahren – ein seltsames aber doch gleichzeitig interessantes Gefühl.

Die Applecross Peninsula wurde meinen Erwartungen gerecht: Eine single track road durch praktisch menschenleeres Gebiet, grandiose Fernsichten, anspruchsvolle Steigungen und Kurven auf schlechtem Asphalt und wieder einmal ein toller Sandstrand kurz vor Applecross, kurzum, es wäre eine tolle Fahrt geworden, wenn da nicht der Regen und meine mittlerweile klatschnasse Ausrüstung gewesen wäre. Der Wind blies zeitweilig heftig von der See, und meine vom kalten Wasser aufgeweichten und klammen Finger, die in offiziell wasserdichten Handschuhen steckten, mühten sich redlich ab, den Lenker festzuhalten. Wie vermisste ich die Griffheizung an meiner eigenen NC!  Die zwölf Grad Lufttemperatur taten ihr Übriges dazu, nicht wirklich Freude aufkommen zu lassen.

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Ich prügelte mich die 24 Meilen bis Applecross durch, hielt vor dem örtlichen Gasthof, stopfte meine nassen Handschuhe in Hohlräume zwischen Rahmen und Motor in der Hoffnung, sie dadurch etwas anzutrocknen und verzog mich ins Warme. Im Applecross Inn war die Hölle los. Fast schien es, als ob sich der halbe Ort samt Busladungen von Touristen darin versammelt hätten und alle gleichzeit etwas zu Essen haben wollten. Erstaunlicherweise kam meines recht rasch, und nach der erfolgten Stärkung sah die Welt da draußen schon wieder etwas freundlicher aus.

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Meine Handschuhe waren tatsächlich trockener als vorhin, was man von Jacke, Hose und Stiefeln leider nicht behaupten konnte. Und ich hatte noch den Bealach na Ba, den Rinderpass, auf der – wie es heißt – „possibly Scotland’s most challenging and highest road“ vor mir!

Und hier fing das Abenteuer erst so richtig an! Kaum war ich auf der engen, single track Passstraße unterwegs, wurden die Wolken so dicht, dass die Sichtweite weniger als fünf Meter betrug und ich mich wie in feuchte Watte gehüllt entlang der weißen Begrenzungslinie der an den Seiten unbefestigten Bergstraße entlangtastete. Die Popularität des Passes zeigte sich an der raschen Abfolge entgegenkommender Wohnmobile, die die komplette Breite der Straße einnehmend im Schneckentempo vorankrochen. Ich stellte das Fernlicht an in der Hoffnung, dadurch früher gesehen zu werden, und wagte mich – immer die nächste Ausweichbucht mehr erahnend als sehend – mit voller Konzentration vorwärts. Nach einer gefühlten Ewigkeit schien sich die Straße langsam abzusenken, und die Sicht wurde etwas klarer. In der Ferne konnte ich den Loch Carron sehen, den ich umrunden musste, bevor ich mein Tagesziel Balmacara erreichte. Aber bis dahin waren es noch etliche Meilen auf ein- und zweispurigen Straßenabschnitten durch hügelige, bewaldete Landschaften. Wärmer wurde es leider nicht mehr, und so kam ich ziemlich durchfroren, nass und müde in Balmacara an.

Ich checkte in Hotel ein und verschwand im Zimmer, wo ich mich aus den nassen Klamotten schälte. Die Handschuhe wand ich aus und platzierte sie auf dem Heizkörper des Badezimmers, den ich voll aufdrehte. Die „wasserdichte“ Innenjacke und -hose wurden auf Bügel gespannt und an die Schranktüren gehängt, die Jacke schlang ich um den auf Hochtouren laufenden Heizkörper im Zimmer, meine Stiefel klemmte ich darunter, und die Hose tropfte fortan stetig in der Dusche vor sich hin.

Nachdem ich meine Motorradsachen bestmöglich versorgt hatte, kramte ich im Ortliebsack nach trockenen Kleidern. Ich kann nur sagen: Ortlieb ist absolut Trumpf! Alles war trocken!

Direkt neben dem Hotel befand sich ein kleiner Supermarkt, in dem ich mir mein Abendessen und ein gutes Bier besorgte. Vom Parkplatz gegenüber konnte ich einige Fotos machen, darunter eines von der fünf Meilen entfernten Brücke auf die Isle of Skye. Die drei Bilder vom Loch Alsh wurden innerhalb weniger Minuten gemacht, und man kann gut sehen, wie rasch sich die Lichtverhältnisse änderten.

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Und zu guter Letzt ein Foto vom Hotel vor einer Wolkenwand wie derjenigen, die ich am Bealach na Ba durchfahren durfte. Das bedarf keiner weiteren Worte, denke ich…

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Nun hoffe ich, dass meine Motorradsachen bis morgen Früh einigermaßen trocken sein werden. Die Heizkörper laufen jedenfalls auf Hochtouren, und ich muss dringend in die Horizontale.

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